Das filmische Bild - Fotoausstellung Martin Muntenbruch
Da steht ein Mädchen - allein in einem U-Bahnwagen - einem alten Wagen, mit viel Eisen und ohne Plastik drin. Seine rechte Hand umklammert die Haltestange im Mittelgang, die linke hält einen großen Papierbogen - zerfaltet, zu Boden gesunken. Ein Stadtplan vielleicht? Mit den Spuren einer verzweifelten Suche nach Orten und Wegen?
Der Blick des Mädchens führt schräg nach oben, fast zur Decke. Dort, wo der Streckenplan hängt. Von seinem Gesicht ist kaum mehr zu sehen, als ihr Kinn. Zerzauste blonde Haare. Trench-Coat. Sie sieht verloren aus. - Hoffnungslos verloren.
Eisenrohre reflektieren das spärliche Licht im Wagen. Unheimlich. - Panikbeleuchtung? Plötzlich, schon im Weitergehen noch eine Entdeckung: Das Mädchen ist gefesselt. Seine rechte Hand mit einem Strick, dezent aber fest, an die Haltestange gebunden.
Mein Gott! Gefesselt in der U-Bahn - gefesselt an die U-Bahn!
Der Alptraum eines Großstadtbewohners könnte das sein. Eine Vision - kalt, hart und schwarzweiß. Fotografiert von Martin Muntenbruch in der Pariser Metro. Zu sehen in seiner Ausstellung „Das filmische Bild” im Furore Companietheater (Galerie) in der Veterinärstraße 1.
Martin Muntenbruch ist 21 Jahre alt und zog nach seinem Abitur in München nach Paris, wo er seit einem Jahr lebt und fotografiert. Aber: Macht er überhaupt Fotos? Nicht eher Bilder? Und wieso filmisch?
Muntenbruchs Fotos sind komponiert und exakt vorausgeplant. Zu einer Idee sucht er sich eine Kulisse und stellt darin mit Personen unwirkliche, phantastische Szenen: Zwei schwarze Kapuzenmänner rudern einsam über einen großen Bergsee. Auf einem Friedhof mit Riesengrabsteinen liegen große Sterne auf dem Boden, ein Mädchen steht im Licht und von hinten schleicht eine dunkle Gestalt heran.
Durch den klaren, oft symmetrischen Bildaufbau und die harten Schwarz-weiß-Kontraste wirken die Fotos ausgeglichen, ruhig und irgendwie endgültig. Und doch ist da etwas, das den Betrachter nicht ruhen läßt. Der Reiz der Bilder, ihr Zugriff auf den Betrachter kommt „von hinten, ist subtil”, wie Muntenbruch selbst sagt. Die Fotos sind weit entfernt von der vordergründigen Wirkung eines lustigen Familien-Schnappschusses oder eines schreienden Presse-Fotos.
Doch steckt in ihnen eine typische Eigenschaft eines Fotos: Sie vermitteln Authentizität und Glaubwürdigkeit. Einer Fotografie glaubt man, denn 'Fotografien lügen nicht'. Man sieht eine Szene, die es eigentlich gar nicht gibt, aber man weiß: irgendwann hat sie sich genau so ereignet. Das Foto ist der Beweis. Hier, in diesem Hin und Her der Wahrnehmung, liegt ein großer Reiz dieser „filmischen Bilder”.
Und während man vor einer dieser statisch gewordenen Bewegungen steht, sich eine der „festgefrorenen Aktionen” (M.M.) ansieht, beginnt man tatsächlich, sich einen kleinen Film auszudenken. Man sieht die Kapuzenmänner weiterrudern.
Präsentiert werden die Fotos mit einer magischen, sphärischen Hintergrund-Musik. „Space-Rock”, wie es Muntenbruch nennt, den er, zumindest in Gedanken, bei seinen Ideen immer hört. Auch der Betrachter soll eine Verbindung zwischen der Musik-Kulisse vom Band und dem Foto, das er gerade vor Augen hat, herstellen, was jedoch nicht immer gelingt.
Muntenbruch hat bis jetzt noch kaum 'professionell' gearbeitet, also noch kaum Aufträge bekommen. Aber seine Fotos sind genauso perfekt, wie die eines Profis und werden durch die phantastischen Elemente noch interessanter.
Die beiden abgedruckten Fotos zeigen ungefähr das Spektrum seiner Arbeiten. Von Bildern mit einem brutalen Chic, wie man sie in exclusiven Modezeitschriften findet bis zum unheimlichen Friedhofstraum. (Noch bis Ende Juli Do bis So: 15-19 Uhr) -Georg Seitz-